Anna & Günter Grass - Die jungen Jahre des Künstlerehepaars 

20. November bis 4. Dezember 2026 im Müllerhaus in Lenzburg 

Anna und Günter Grass

1956 ziehen die Schweizer Tänzerin Anna Grass, geb. Schwarz, und der Danziger WortBild-Künstler Günter Grass, seit 1954 verheiratet, von Berlin nach Paris. Das Künstlerehepaar springt unbedarft (aber lustvoll) ins französische Wasser. Anna studiert Ballett im Studio Wacker, Günter schreibt seinen ersten Roman „Die Blechtrommel“. Sie sind füreinander bestimmt und „gleichen Ranges“. Die frühen Jahre ihrer Ehe werden wegweisend für beider Entwicklung und die Wechselwirkung ihrer Künste.

Die Ausstellung „Anna & Günter Grass - Die jungen Jahre des Künstlerehepaars“, die vom 20. November bis 4. Dezember 2026 im Müllerhaus in Lenzburg gezeigt wird, umfasst die Sparten Literatur, Tanz, Malerei, Fotografie und setzt zahlreiche - auch historische - audiovisuelle Medien ein. Diese stammen überwiegend von schweizerischen, deutschen und österreichischen Rundfunkanstalten. Die Ausstellung richtet den Fokus auf die heute 93-jährige Anna Grass und diese bisher auch in der Wissenschaft wenig beachtete Frau, die ihren Talenten vertraute, ihren eigenen künstlerischen Weg ging und noch heute ein Beispiel ist für Zielstrebigkeit, Selbstbewusstsein und Entdeckungslust. Sie steht aber auch für weibliche Biographien im Schatten der Männer. 

In Paris bezogen die beiden eine von Annas Vater Boris Schwarz erworbene Wohnung in der Avenue d’Italie. Im feuchten Hinterhof schrieb Grass sein erstes großes Prosawerk, das zum Sensationserfolg wird: „Die Blechtrommel“ widmet er seiner Frau Anna. In dieser Aufbruchsphase entstanden auch Skizzen, Aquarelle und Porträts von Anna und Günter, die beide seit Kinderzeiten mit Bleistift und Zeichenblock unterwegs waren und ihre schöpferische Kraft aus der Natur zogen. Außerdem verfasste Grass Libretti für seine Ballette, zu denen Aribert Reimann die Musik komponierte. Bei der Uraufführung „Die Vogelscheuchen“ 1970 an der Deutschen Oper Berlin wirkte Anna in der Choreografie mit. 

1976: Ein letztes Mal hängt Anna Grass im Tanzstudio Wacker ab
Blechtrommeln ist anstrengend: Günter Grass legt eine Schreibpause ein

In Paris entwickelte sich die sehr enge Freundschaft des Paares mit dem Schweizer Flötisten Aurèle Nicolet, dem Günter Grass fortwährend von der entstehenden „Blechtrommel“ erzählte und der ihn später auf seinen Lesungen musikalisch begleitete. Anna Grass blieb Nicolet bis zu seinem Tod 2016 verbunden. Die berühmteste Figur im Roman ist der nicht wachsen wollende Oskar Matzerath. Die Idee dazu kam Grass bei einem Kaffeekränzchen in Lenzburg, als unverhofft und grußlos ein Junge auftauchte, seine Trommel schlug, den gedeckten Tisch ein paar Mal umrundete und wortlos wieder verschwand. Dies war der Aargauer Matthias Scheurer. 

Anna und Günter Grass, 2012

Die gebürtige Lenzburgerin Anna Grass lebt heute in Berlin und in der zweiten Jahreshälfte in der Schweiz. Erzählt wird die Geschichte einer großen Liebe, die eigentlich nie enden sollte. Gleichzeitig ist sie einem Sprachgenie gewidmet, dessen schneller Ruhm seine begabte Partnerin zunehmend belastete. Ihren künstlerischen Ehrgeiz musste sie der Erziehung ihrer vier gemeinsamen Kinder wegen immer wieder bremsen. Das Ballett und die Ausbildung begabter Tänzer:innen blieben allerdings ihr Leben. Nach der Trennung 1978 widmete sich Anna mit hoher Professionalität der Aquarellmalerei und in späteren Jahren dem Schreiben, dem Bergsteigen und dem Weinbau im Tessin. Günter wurde zum bedeutenden Autor, Intellektuellen und Literaturnobelpreisträger. 

In der Lenzburger Ausstellung, für die kein Eintritt erhoben wird, sind frühe Aquarelle und Zeichnungen von beiden Künstlern zu sehen, außerdem wertvolle Exponate wie das erste Stehpult von Grass und seine Olivetti-Schreibmaschine - ein Hochzeitsgeschenk der Familie Schwarz -, auf der er vor 70 Jahren „Die Blechtrommel“ schrieb. Nicht zu vergessen die Videoschätze aus dem audiovisuellen Medienarchiv der Günter Grass Stiftung Bremen. Mit dem Aargauer Literaturhaus ist ein passendes Rahmenprogramm in Arbeit. Außerdem wird Anna Grass aus der Lenzburger SchwarzDynastie - mit Familienwurzeln zu den Hünerwadels und hugenottischen Schweizern - Gesprächsgast der Veranstaltungsreihe „Lenzburg Persönlich“ sein.

Die Ausstellung und das Rahmenprogramm eröffnen durch die sehr anschaulichen audio-visuellen Dokumente der Zeitgeschichte einen besonderen Blick auf kreatives Leben in schwierigen Zeiten an der Schnittstelle von privatem und öffentlichem Leben - und zwar am Beispiel der Kunst (Malerei, Literatur, Poesie, darstellende und performative Künste). Besonders an junge Menschen sind die interaktiven Elemente der Ausstellung gerichtet. 

Im Müllerhaus in Lenzburg erinnert Anna Grass an ihren Vater Boris Schwarz. © Horst Monsees

Eine Ausstellung der Günter Grass Stiftung Bremen

in Kooperation mit der Gruppe für Gestaltung (GfG)