GRASS NEU LESEN

von Heinrich Detering

Als am 10. Mai 2015 in Lübeck die Trauerfeier für Günter Grass stattfand, im Beisein des deutschen Bundespräsidenten und anderer Würdenträger, da hielt der Romancier John Irving die Trauerrede. In Deutschland sorgte das weithin für Überraschung. Was hatte der amerikanische Meister einer skurrilen, oft tragikomischen und höchst vergnüglichen Erzählkunst mit Günter Grass zu tun? Gerade in seinem eigenen Land wurde der deutsche Nobelpreisträger in seinen letzten Jahren oft eher als grimmiger, streitlustiger Polterer beargwöhnt, denn als Dichter wahrgenommen. Witz und Spaß an einer unterhaltsamen Form von Literatur wurden ihm sehr viel weniger zugetraut als seinem amerikanischen Trauerredner.

Der Ton von Irvings Trauerrede war liebevoll und heiter, seine Dankbarkeit gegenüber dem Dichter Grass galt einem Freund und Vorbild. Anspielend auf den jüdischen Spielzeughändler Sigismund Markus, der in der Blechtrommel von SA-Männern in den Suizid getrieben wird, sagte Irving: „Günter Grass war der König der Spielzeughändler. Jetzt hat er uns verlassen und alles Spielzeug aus dieser Welt mitgenommen.“ Spielfreude und Melancholie, übermütige Grenzgänge zwischen Realismus und Fantastik, zeitgeschichtlicher Scharfblick und eine ansteckende Liebe zu seinen Figuren – vieles von dem, was Irving an Grass‘ Büchern rühmt, hat er erklärtermaßen selbst von ihm gelernt. Den Helden seines Romans Owen Meaney etwa verbinden mit Oskar Matzerath aus der Blechtrommel nicht nur die Initialen seines Namens. Mit dieser Grass-Verehrung und -Fortschreibung ist Irving nicht allein. Auch Nadine Gordimer und Salman Rushdie haben sich als seine Schüler und Schuldner bekannt, mit beiden war er befreundet; Grass und Márquez lasen und schätzen sich gegenseitig.

 

Ein Autor von weltweiter Ausstrahlung

Grass ist ein Autor der Weltliteratur im ganz wörtlichen Sinne. Nicht nur ist sein weltweites Ansehen zunehmend größer als der Respekt, der ihm in seinem Heimatland entgegengebracht wurde – er selbst gilt als einer der maßgeblichen Autoren, ja Miterfinder dessen, was von Márquez bis zu Rushdie als „Magischer Realismus“ praktiziert wurde. Sein Macondo heißt Danzig. Anders als der fiktive Ort in Kolumbien aber lag diese deutsche, polnische, kaschubische Stadt, in der er aufgewachsen war und die seiner Danziger Trilogie den Namen gab, im Zentrum weltgeschichtlicher Umbrüche. Damit steht alles, was Grass‘ Werk an lokalen, persönlichen und familiären Erfahrungen, Fantasien und Albträumen gestaltet, schon von vornherein in weiten zeitgeschichtlichen und politischen Zusammenhängen.

Blickt man aus einer weltliterarischen Perspektive auf dieses Lebenswerk, so zeigt sich einerseits, wie intensiv es durchgängig auf die deutsche Geschichte bezogen ist, die aus der unmittelbaren Gegenwart von NS-Zeit, Krieg und Nachkriegszeit heraus historisch immer weiter vertieft wird. Andererseits zeigt sich aber gerade im Kontext des „Magischen Realismus“ auch die lustvolle, fabulierfreudige Energie dieser Geschichten. Hat man in Deutschland Grass vor allem als Autor der „Flakhelfergeneration“ gelesen – also der Generation, die ihre Kindheit und Jugend noch im Nationalsozialismus und im Kriegseinsatz erlebt hat –, so gilt die weltweite Aufmerksamkeit viel eher dem „König der Spielzeughändler“. Steht Grass in der deutschen Rezeption zuweilen im Verdacht humorloser, wenn nicht selbstgerechter Meinungsstärke (bis hin zum Vorwurf, er habe sich die öffentliche Rolle eines nationalen Erziehers angemaßt), so ist außerhalb Deutschlands diese leidenschaftliche Spielfreude wahrgenommen worden, und zwar in mindestens dreifacher Hinsicht: in der erzählerischen Kraft eines ursprünglich-vitalen Geschichtenerzählens, im Vergnügen an sprachlichen Experimenten und im Umgang mit unterschiedlichsten Genres und Kunstformen. Das schließt die zeitgeschichtliche Relevanz und die politischen Geltungsansprüche des Werks keineswegs aus, aber es relativiert sie gegenüber seinen genuin literarischen Qualitäten.

Gegenüber dieser artistischen, lustvollen Seite seiner Kunst werden, so ist zu erwarten, die tagespolitischen Scharmützel, die Grass als Provokateur gern angezettelt hat, mit der Zeit verblassen. Unverlierbar bleiben wird davon all das, was in die erzählerischen und poetischen Arbeiten selbst eingegangen ist; bleiben wird davon auch das Bild eines demokratisch engagierten public intellectual, der nicht müde wurde, daran zu erinnern, dass die Weimarer Republik auch an der republikanischen Gleichgültigkeit zu vieler Intellektueller zugrunde gegangen ist.

 

Geprägt durch die Zäsuren des 20. Jahrhunderts

Zu den prägenden Lebenserfahrungen, auf die Grass immer wieder zu sprechen kam, gehören die Ärmlichkeit seiner kleinbürgerlichen Herkunft, die Verführbarkeit des Jugendlichen durch Hitlerjugend und Waffen-SS, die einen Ausbruch aus der Enge in große Abenteuer versprachen, schließlich der zweifache Schock des Kriegserlebnisses als (mit seinem Ausdruck) „Kindersoldat“ und der Nachrichten über die NS-Vernichtungslager. Diese Themen bestimmen sein Werk vom ersten Roman, der Blechtrommel, an, in Katz und Maus ebenso wie in Hundejahre. Dabei nimmt der Komplex der Shoah an Umfang und Bedeutung von Band zu Band zu und bleibt auch nach dem Abschluss der Trilogie essayistisch, lyrisch und prosaisch präsent. An diese fortlaufende Entfaltung des Themas zu erinnern ist wichtig, weil Grass nach der Veröffentlichung seines gegen die Netanyahu-Regierung gerichteten Protestgedichts Was gesagt werden muss (2012) Vorwürfen des Antisemitismus ausgesetzt war, die ihn tief getroffen haben.

Es ist oft übersehen worden, dass Grass als einziger westdeutscher Nachkriegsautor nicht nur die eigenen NS- und Kriegserfahrungen, sondern auch die Verfolgung der Juden und den Holocaust von Beginn an drastisch und umfangreich zum Thema sowohl seines Erzählwerks als auch seiner öffentlichen Reden und Aufsätze gemacht hat. Auch deshalb war er 1967 der erste westdeutsche Autor, der offiziell nach Israel eingeladen wurde. Dass er die israelische Besatzungspolitik seit 1967 zunehmend kritisch sah, verband ihn mit Freunden wie dem israelischen Schriftsteller Amos Oz und mit Dichtern in der arabischen Welt, für die er sich zunehmend interessierte.

Zwischen Großform und Miniatur: Die Vielgestaltigkeit von Grass’ Werk

Berühmt wurde Grass vor allem als Verfasser umfangreicher Romane, die zeitgeschichtliche Sujets (den Nationalsozialismus und seine Vorgeschichten bis weit zurück in die Freiheitskriege und die Bismarck’sche Reichsgründung, Nachkriegszeit und Restauration, deutsche Teilung und Wiedervereinigung, das Verhältnis Europas zur „Dritten Welt“ und die globale ökologische Krise) mit fantastischen Erzähleinfällen verbinden – von der Gestalt des freiwillig nicht mehr wachsenden bösen Kindes Oskar Matzerath in der Blechtrommel über die anti-patriarchale Frauen-Weltgeschichte im Roman Der Butt (1977), einer üppigen Neuerzählung des Grimm’schen Märchens Vom Fischer und syner Fru, und die makabren Science-Fiction-Adaptationen der Rättin (1986) bis zum in die endende DDR versetzten Schelmenroman Ein weites Feld (1995). All diese Romaneinfälle entfalten sich in vielfältigen transtextuellen Bezügen: Wie Oskar Matzerath als Wiedergänger des „Kleinen Däumling“ und seine Geschichte als Parodie des Bildungsromans erscheint, so wird der titelgebende Märchen-Fisch im Butt zur subversiv-komischen Verkörperung des Hegel’schen Weltgeistes; und das ungleiche Paar von „Fonty“ und „Hoftaller“ in Ein weites Feld (ihrerseits entlehnt aus den leitmotivisch zitierten Werken Fontanes und aus Hans-Joachim Schädlichs in der DDR verbotenem Tallhover-Roman) erinnert absichtsvoll an das weltliterarische Duo von Don Quijote und Sancho Pansa. Die sehr deutschen Themen dieser Romane entfalten sich in sehr weiten weltliterarischen Horizonten. In seinem Buch Grimms Wörter mit der Gattungsbezeichnung Eine Liebeserklärung (2010) verneigt er sich vor der Schönheit der Sprache, in der er lebt und arbeitet.So imponierend die literarische Anstrengung dieser Großwerke erscheint, so hinderlich ist sie schon angesichts der Formate für eine breite Rezeption gewesen. Dabei zeigt Grass sich bei näherem Hinsehen oft weniger als der Monumental-Epiker, als der er bewundert und beargwöhnt worden ist, denn vielmehr als ein zutiefst episodischer Erzähler. Das hat zur Folge, dass sich seine Romane überraschend leicht in Prisen einnehmen lassen. Das gilt – um nur wenige Beispiele zu nennen – für die Geschichten von Leben und Sterben des jüdischen Spielzeughändlers Markus, vom Überfall auf die Polnische Post in Danzig, von Oskars trommelnder Subversion einer NS-Kundgebung im ersten ebenso wie die burlesken Szenen vom Zwiebelschneiden oder die Albtraumvision vom Untergang der polnischen Kavallerie im letzten Teil der Blechtrommel; es gilt für die oft in sich geschlossenen, eindringlich-knappen Prosastücke der Frühschichten im ersten Teil der Hundejahre; es gilt erst recht für die novellistischen Kapitel des Butt (etwa über die Barockzeit, die Einführung der Kartoffel in Preußen oder die Beziehung zwischen August Bebel und seiner Köchin) und des Weiten Feldes und der Rättin. In jedem dieser Romane finden sich Glanznummern und Bravourarien, die sich mit vergleichsweise wenigen Erläuterungen zu wiederkehrenden Figuren und umgreifenden Handlungsbögen leicht herauslösen lassen – und die Neugier auf den jeweiligen Gesamttext wecken können.Weit über die Romane hinaus ist Grass‘ Werk aber bestimmt von einer außerordentlichen Vielfalt der literarischen Formen (ganz abgesehen von den zahlreichen Essays, Reden, Feuilletons). Von Katz und Maus, dem Mittelstück der Danziger Trilogie, über das liebevoll-verspielte Barock-Pastiche Das Treffen in Telgte (1979) bis zu Im Krebsgang (2002) über die Beziehung zwischen historischer Erinnerung, Verdrängung und dem Neonazismus der „Baseballschlägerjahre“ hat er wesentliche Themen seines zeitkritischen Erzählens in Novellen kondensiert. Von Grass‘ zwischen 1956 bis 1969 entstandenen „Theaterspielen“ und Libretti haben sich Die bösen Köche (1957) als wichtiger Beitrag zum „Theater des Absurden“ und Die Plebejer proben den Aufstand (1966, über das Verhältnis der Intellektuellen zur Macht, am Beispiel Brechts und des 17. Juni) in den Kanon eingeschrieben.

Von seinem noch vor der Blechtrommel erschienenen Debüt an (dem Gedichtband Die Vorzüge der Windhühner, 1956) haben Gedichte in unterschiedlichsten Tönen und Formen Grass‘ große Erzähltexte begleitet, vorbereitet oder kommentiert, bis zu Eintagsfliegen (2012) und dem letzten, noch auf dem Sterbebett redigierten Buch Vonne Endlichkait (2015). Der mit Grass befreundete Verleger Klaus Wagenbach hat in dem schmalen Band Wörter auf Abruf (2002) eine schöne, überzeugende Auswahl der noch immer lesenswerten Gedichte zusammengestellt. Immer wieder hat Grass schließlich auch kleine Prosa und kurze Geschichten verfasst; in Mein Jahrhundert (1999) entsteht hundert Monologe historischer und fiktiver Figuren ein politisches, soziales und kulturelles Panorama des 20. Jahrhunderts in der deutschen Geschichte, in leicht zugänglicher und leichtfüßiger, nur zuweilen etwas zu didaktischer Erzählweise.

 

Schwieriges Altern, überraschende Frische

Nicht alles in diesem Werk ist gut gealtert. Der Butt etwa, Grass‘ Absicht nach eine feministische Gegenerzählung zur von Männern gemachten Geschichtsschreibung, transportiert – bei aller noch immer wirkungsvollen Komik und satirischen Kraft vieler Passagen – doch ungewollt mehr Geschlechterstereotypen, als es dem Verfasser lieb (und bewusst) gewesen sein dürfte, am problematischsten im zentralen, auch separat publizierten Vatertags-Kapitel. Die ungeheure Kraftanstrengung der Hundejahre hat Grass‘ vermutlich komplexesten Roman hervorgebracht, zugleich aber die Lesbarkeit und Überschaubarkeit des Ganzen – im Unterschied auch hier zu vielen einzelnen Passagen – gravierend erschwert. Die pikareske Komik vieler Einfälle in Ein weites Feld wird verdeckt durch das langatmig erscheinende epische Romanformat. Und die im strikten Sinne des Wortes postmodernen selbstreflexiven Brechungen, Diskurs- und Genrespiele der Rättin beschränken die Wirkungsmöglichkeiten dieses Experimentalromans, der in seiner Verschränkung von ökologischer Sensibilität und wildem, selbstironischem Spiel mit Märchen-Parodie, Science-Fiction-Plots und Tiergeschichte seiner Zeit weit voraus war.

Gerade das Beispiel der Rättin zeigt daher andererseits auch, dass vieles, was von der zeitgenössischen Literaturkritik angegriffen und verspottet wurde, sich als erstaunlich haltbar und gegenwärtig erwiesen hat. So wie Grass‘ politische Einsprüche gegen die Durchführung der deutschen Wiedervereinigung und sein frühes Insistieren auf einer Neuausrichtung der Entwicklungspolitik oft hellsichtiger waren, als die zeitgenössische Rezeption wahrhaben wollte, so treten im Rückblick manche Werke und Werkteile deutlicher hervor, die lange vom Ruhm der Danziger Trilogie überschattet waren. Das gilt für die erwähnten novellistischen Episoden innerhalb der Romane ebenso wie für die lange unterschätzten kleinen Formen, in denen Grass‘ Experimentierfreude und Spielwitz im Umgang mit der Sprache und mit literarischen Genres sich noch immer in unverstellter Vitalität mitteilen.

Das gilt auch für den Dialog zwischen Texten und Bildern. Ausgebildet als Steinmetz und Grafiker, hat Grass lebenslang seine Bücher selbst gestaltet und illustriert. Im Spätwerk hat er daraus eigene Kunstformen entwickelt. In eindringlicher Düsterkeit zeigt der in Kalkutta entstandene Band Zunge zeigen (1988) Ansichten vom Leben und Sterben in den Slums und fragt nach der Wahrnehmung des europäischen Reisenden, so wie Totes Holz (1990) eine fragmentierte Romantik mit der Wirklichkeit des Waldsterbens konfrontiert. Fundsachen für Nichtleser (1997) dagegen zaubert aus kunterbunt aquarellierten Haus- und Gartenansichten und Gedichten das Panorama einer liebevoll und genau gesehenen Alltagswelt. Und Vonne Endlichkait feiert in Gedichten, kleiner Erzählprosa und zarten Zeichnungen eine Lebensfreude, die auch angesichts des nahenden Todes nicht erlischt.

Den schönsten, frischesten Zugang zu Grass‘ Werk eröffnen seine Kindheits- und Jugenderinnerungen Beim Häuten der Zwiebel (2006) – eigentlich ein autobiographischer Roman. Dessen erste Rezeption konzentrierte sich fast ausschließlich auf die Mitgliedschaft des Siebzehnjährigen in der Waffen-SS kurz vor dem Kriegsende, von der Grass unmittelbar nach dem Krieg, danach aber nicht mehr gesprochen hatte und nun wieder erzählt. Diese Reduktion ist umso bedauerlicher, als dieser Band – mehr noch als in der Vergegenwärtigung von NS-Zeit, Krieg und Nachkrieg in oft packenden, tragikomischen und selbstironischen Geschichten – zu Grass‘ stärksten und am leichtesten zugänglichen Erzähltexten gehört. Von diesem Buch aus wäre der König der Spielzeughändler im Jahr seines hundertsten Geburtstags neu zu entdecken.

Heinrich Detering

Der Autor

Prof. Dr. Heinrich Detering., Jahrgang 1959, lehrte bis 2023 Deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Göttingen. Diverse Auszeichnungen, u.a. Leibnizpreis der DFG 2009 und Orden Pour le mérite 2023. Zahlreiche Bücher, zuletzt "Untertauchen. Gedichte" 2024 und "Die Revolte der Erde: Karl Marx und die Ökologie" 2025. Er war u.a. Leiter des Forschungsprojekts zum Göttinger Steidl-Grass-Archiv.

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