Günter Grass
Günter Grass war Schriftsteller, Bildhauer, Maler und Grafiker. 1999 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Mit seinem 1959 veröffentlichten Debütroman „Die Blechtrommel“ erlangte er Weltruhm. Wie kein anderer vor ihm beschreibt er darin das Aufkommen des Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, die Shoa und die Flucht und Vertreibung nach 1945. Seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und Themen wie Schuld und Scham setzt er in „Katz und Maus“ (1961), „Hundejahre“ (1963) und „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ (1972) fort.
Geboren 1927 in der Freien Stadt Danzig, unterlag er in seiner Jugend der nationalsozialistischen Ideologie, von der er sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg befreite. Dass er als Jugendlicher in eine Einheit der Waffen-SS eingezogen wurde, berichtet er 2006 in seinem autobiografischen Werk „Beim Häuten der Zwiebel“. Die späte Offenlegung löste einen Sturm der Entrüstung aus.
Als Mitglied der „Gruppe 47“ entwickelte er sich zu einem der prägenden Literaten seiner Zeit. Werke wie „Der Butt“ (1977) oder „Das Treffen in Telgte“ (1979) gehören zu den Klassikern der deutschen Literatur. Er unterstützte seit den frühen 1960er Jahren die Bundestagswahlkämpfe von Willy Brandt und der SPD. Immer wieder mischt er sich streitbar in politische Debatten ein, etwa zur Deutschen Wiedervereinigung. 1993 tritt er aus der SPD aus, da er mit dem damals getroffenen Asylkompromiss der Partei nicht einverstanden ist. Zeit seines Lebens setzt er sich für Demokratie, Menschenrechte und eine pluralistische Gesellschaft ein. Auf internationaler Ebene wird Günter Grass als ein wichtiger Repräsentant deutscher Literatur und Kultur angesehen.
Günter Grass war nicht nur Schriftsteller, sondern auch bildender Künstler. Als junger Mann absolvierte er in Düsseldorf eine Lehre zum Steinmetz. Danach studierte er an den Kunstakademien Düsseldorf und Berlin, unter anderem bei Otto Pankok und Karl Hartung. Grass arbeitete als Grafiker, Bildhauer und Maler und illustrierte unter anderem seine eigenen Bücher. Seine Bilder und Figuren bilden mit Motiven wie Vögeln, Fischen, Ratten oder Schnecken einen ganz eigenen Kosmos. Seine gegenständliche Bildkunst und seine Literatur stehen in engem Zusammenhang und beeinflussen sich über sechs Jahrzehnte wechselseitig.
Im Alter lebte Günter Grass gemeinsam mit seiner Frau Ute in der Nähe von Lübeck, wo er sich unter anderem wegen der Nähe zur Ostsee, die ihm seit seiner Kindheit vertrat war, der Ähnlichkeit zu seiner Heimatstadt Danzig sowie der Verbindung zu Willy Brandt und Thomas Mann niederließ. In der abgeschiedenen Ruhe des kleinen Ortes Behlendorf am Elbe-Trave-Kanal entstanden zahlreiche Werke seines Spätwerks, beispielsweise „Ein weites Feld“ (1995), „Mein Jahrhundert“ (1999), „Im Krebsgang“ (2002) oder „Grimms Wörter“ (2010). Bis zuletzt beschäftigte er sich mit den drängenden Fragen unserer Zeit – etwa mit Umweltzerstörung, Krieg und Migration. Zugleich widmete er sich als „lebenslustiger Pessimist“ mit Freude und intellektueller Neugier auch den vermeintlich leichteren Themen des Lebens, etwa dem Tanz, der Kochkunst oder dem Fußball.
Am 13. April 2015 verstarb Günter Grass und wurde in Behlendorf beigesetzt. Sein Leben und Werk werden unter anderem im Lübecker Günter Grass-Haus erforscht und der Öffentlichkeit präsentiert. Anlässlich seines 100. Geburtstages 2027 wird dort ein großes Festjahr ausgerichtet.
ein Dossier von Heinrich Detering zum 100. Geburtstag im Jahr 2027